Leseprobe

 

Kapitel 1

Wenn es nach Vincenzo ging, dann würde er für immer hierbleiben. Denn hier gab es alles, was er brauchte. Frische Luft. Immer genug zu essen. Und seine geliebten Pferde. Er und Luca passten als Freunde perfekt zusammen. Luca kochte und er aß.
Nachdenklich blickte er in die Ferne. Es stimmte nicht ganz. Nicht alles war hier, was er brauchte. Die Frau, die er damals und noch heute liebte und für die sein Herz schlug, war nicht hier.
Sie hatte sich gegen ihn entschieden und lebte nun glücklich verheiratet irgendwo in Italien. Seit damals hatte er sie nicht mehr gesehen, seit sie ihm gesagt hatte, dass es vorbei war. Dass sie ihn nicht mehr liebte. Dass sie einen anderen heiraten würde.
Kopfschüttelnd versuchte er diese dunklen Gedanken, zu vertreiben. Zu groß war der Schmerz; immer noch. Über sie würde er niemals hinwegkommen. Dafür hatte er zuviel gegeben. Seinen Körper. Seine Liebe. Seine Seele. Und sie hatte alles mitgenommen.
Heute würde Isabellas Freundin kommen. Sie war vollkommen aus dem Häuschen. Alles sollte perfekt sein, hatte sie gesagt. Lächelnd schaute er zum Haus, aus dem merkwürdige Geräusche kamen. Sicherlich stellten sie wegen ihrer Freundin das Haus auf den Kopf.
Vincenzo legte die Bürste, mit der er Golden Boy zuvor gestriegelt hatte, zur Seite und befestigte den Sattel, den er aus dem Schuppen geholt hatte. Die Frauen des Hauses führten sich auf, als würde der Papst persönlich vorbeikommen, deshalb ritt er lieber auf seinem Lieblingspferd aus.
Doch bevor er sich auf das schöne Tier setzte, gab er Golden Boy einen Kuss und streichelte seinen Hals. Es war ein Ritual, das er jedes Mal tat, bevor er ausritt. Mit Schwung setzte er sich auf das Pferd und schon wehte der Wind durch sein Haar. Das war die einzige Zeit, in der er sich wirklich frei fühlte. Frei von Gefühlen. Frei von Gedanken.
Denn es verging kein Tag, an dem er nicht an sie dachte. An die Frau, die er geliebt hatte und für die er immer noch Gefühle hegte. Doch sie hatte sich gegen ihn entschieden. Hatte ihn ohne einen Grund verlassen. Sein Herz schmerzte. Doch heute wollte er einmal nicht an sie denken. Nichts von dem Fühlen, was ihn seit Jahren verfolgte. Er musste sie endlich aus seinem Kopf und aus seinem Herzen verbannen.
Vincenzos Handy vibrierte in seiner Hose. Durch einen leisen Ton brachte er das Pferd dazu, langsamer zu werden. Er schaute auf das Display. Isabella.
Seitdem sie wusste, dass ihre Freundin hierherkommen würde, war sie vollkommen aus dem Häuschen. Was er allerdings gut hieß, denn nach allem, was sie durchmachen musste, hatte sie ein wenig Abwechslung verdient. Auch wenn Luca eigentlich genug Abwechslung zu bieten hatte.
Sie ermahnte ihn via Handynachricht, ja nicht zu vergessen, dass ihre Freundin heute ankam. Seitdem sie in festen Händen war, hatte sie eine Wandlung gemacht. Nicht nur, dass sie wesentliche offener war als zuvor. Auch, dass sie sich traute ihren Kleidungsstil zu ändern und man nun ihre Narben sehen konnte. Zu Beginn war es für alle ein Mahnmal. Doch mittlerweile hatten sich alle hier daran gewöhnt, ihn eingeschlossen. Er bewunderte ihren Mut, mit dem sie die Verletzungen aus ihrer Kindheit trug.
Da er noch ein wenig Zeit hatte, ritt er weiter und genoss das Gefühl der Freiheit. Sicherlich würde Isabella die nächsten Wochen sein ständiger Begleiter werden, wenn er das Kind ihrer Freundin mit auf sein Pferd nahm. Sie würde jeden Schritt unter die Lupe nehmen und sich versichern, dass er auch wirklich alles richtig machte. Aber selbst dieser Gedanke rang ihm ein Lächeln ab. Für sie würde er das tun.
Allmählich wurde es Zeit, das Pferd auf die Koppel zu bringen, damit es für die Kinder vorbereitet werden konnte. Danach wollte er noch frühstücken, bevor Isabella ihn hin und her scheuchen würde.
Sie hielt alle auf Trab, was sein Gutes hatte, denn so konnte Giana sich voll und ganz auf ihre eigenen Kinder konzentrieren. Antonio war ihr dafür, mehr als nur dankbar. Als er fast an der Koppel war, sah er Luca am Zaun stehen. Er stieg ab und lief zu ihm.
»Brauchst du schon jetzt eine Pause von deiner Freundin«, ärgerte er ihn.
»Du musst sie sehen. Sie läuft durchs Haus, als wäre sie von einer Hornisse gestochen worden. Alles muss sauber sein. Dabei liegt nicht einmal ein Staubkörnchen rum, weil sie die letzte Woche nichts anderes getan hat, als zu putzen.«
»Lass ihr den Spaß. Sie freut sich, ihre alte Studienfreundin wieder zu sehen.«
»Ja. Nur befürchte ich, werde ich nicht viel von ihr in den nächsten vier Wochen haben.«
»Leidest du etwa schon jetzt unter Entzug? Ihr werdet euch doch garantiert, das Hirn frei gevögelt haben, in den letzten Nächten. Wenn man nach den Geräuschen aus eurem Zimmer geht.«
»Spricht da der Neid aus dir?«
Ein wenig schon, dachte Vincenzo. Er hätte gerne eine Frau an seiner Seite, die er lieben konnte. Die nicht einfach die langjährige Beziehung beendete, um anschließend abzuhauen und ihm nicht mal den Grund dafür nannte.
»Hey Mann. Du weißt, wie ich das gemeint habe.«
»Ja. Sicherlich.«
»Ich glaube, du bist derjenige, der sich mal wieder das Hirn wegvögeln lassen sollte. Du weißt, dass du bei Sergio ein Stein im Brett hast und jederzeit dort ein wenig den Dominus raushängen lassen kannst.«
Das wäre tatsächlich eine Option für ihn. Er zog die Zigarettenschachtel aus seiner Hose, zündete sich eine Kippe an und inhalierte den Rauch tief in seine Lunge.
»Deine Angebetete kommt. Wahrscheinlich vermisst sie dich schon.«
»Du bist doch nur neidisch«, stellte Luca fest.
Vincenzo beobachtete die beiden, wie sie sich gegenseitig festhielten und küssten. Das alles hatte er auch vor langer Zeit. Fast fühlte es sich unreal an, da es einfach schon so lange her war.
Plötzlich wurde er von einer Erinnerung gepackt, die seine Seele erreichte.

Bitte tu das nicht Teresa.
Ich muss. Ich kann dich einfach nicht mehr
ertragen.
Sag mir, was es ist. Ich ändere mich. Ich
mache alles für dich. Aber bitte bleib bei mir.

Worte, die vor so langer Zeit gesprochen wurden, schnitten in seine Seele und bohrten sich tief in sein Herz. Sie waren scharf wie Dolche und hinterließen nichts als Schmerz.
Ein Schmerz, den er nicht mehr los wurde.

* * *

»Mama.«
Die kindliche Stimme riss Teresa aus ihren Gedanken. Eine Stimme, die sie so gerne hörte. Denn sie gehörte ihrem Kind. Dem Einzigen, was ihr geblieben war, nachdem ihr Mann durch einen Unfall gestorben war.
»Ja mein Schatz«, sagte sie, ohne eine Antwort zu erwarten. »Lass uns deine Handtasche packen. Willst du dein Bunny in der Hand tragen?«
Eigentlich war es eine sinnlose Frage, da Teresa wusste, wie sehr ihre Tochter ihr Schmusetuch liebte. Ohne es würde sie nirgends hingehen.
»Mitnehmen«, sagte sie strahlend.
»Ja wir nehmen Bunny mit und dein Lieblingskissen auch.«
Es war das Kissen ihres Vaters. Sie hatte es sich einfach genommen, nachdem die Trauerfeier vorbei gewesen war. Ohne es konnte sie nicht einschlafen. Das Handy klingelte und riss Teresa aus ihren Gedanken.
»Hallo.«
»Isabella. Guten Morgen.«
»Seid ihr auch so aufgeregt wie ich?«
Sie musste schlucken. Ihre Freundin hatte alles in die Wege geleitet, damit Valentina und sie selbst einige Wochen auf Aurora Valley entspannen konnten.
»Du hast ja gar keine Ahnung, wie sehr ich dir dafür danke. Ohne dich hätte das bestimmt niemals geklappt.«
»Ach natürlich. Giana hätte gesehen, wie sehr du ein wenig Abwechslung benötigst. Luca und ich werden euch vom Bahnhof abholen. Hast du auch alles eingepackt?«
»Ja haben wir.«
»Gut. Dann sehen wir uns in fünf Stunden. Ich freu mich so, sagte ich das schon Mal?«
Teresa lachte dieses wunderschöne unschuldige Lachen und ein Teil ihrer Seele hatte sich befreit von dem Druck, der auf ihr lastete. Sie verabschiedete sich und legte auf.
»Nun komm. Schuhe anziehen und dann beginnt unser Abenteuer.«
»Ich liebe dich Mama.«
Valentina war eine Frohnatur. So wie fast alle Kinder mit dem Downsyndrom. Nachdem sie sie umarmt, und ausgiebig geküsst hatte, ließ sie sich die Schuhe anziehen.
Als sie an der Türe stand, schaute Teresa noch einmal in ihre Wohnung. Es wirkte wie ein Stillleben. Doch sie sah den Aufenthalt auf Aurora Valley als Neubeginn. Kurz streichelte sie ihrer Tochter über das dunkle Haar, dann schloss sie die Türe ab und lief hinunter zu dem wartenden Taxi.
Die Fahrt zum Bahnhof verbrachten sie singend, so wie Valentina das immer wollte, wenn sie in einem Auto saßen. Zum Glück war der Fahrer guter Laune und sang lauthals mit. Teresa wagte dieses Abenteuer und akzeptierte dies als ein gutes Omen, als ein Vorzeichen, das jetzt alles gut werden würde.
Sie spürte dieses Kribbeln in ihrem Bauch, eins, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

* * *

Nachdem Luca und Isabella ihn wieder alleine gelassen hatten, um mit dem Auto durch die Waschanlage zu fahren und dann ihre Freundin abzuholen, widmete er sich seinem Pferd. Vielleicht sollte er Antonio wieder zu einem Ritt mit Golden Boy verleiten. Dann hätte er eine Möglichkeit mal wieder ungezwungen mit ihm zu reden. Denn Antonio war der Einzige, der seine Vergangenheit kannte. Nur er wusste, warum er damals als Dominus im Herrenhaus begonnen hatte.
Paolo kam auf ihn zu und bat ihn um Hilfe. Also gab er Golden Boy einen Klaps und folgte seinem Freund, der das kleine Lagerhaus ansteuerte.
»Was genau hast du vor«, rief er ihm zu.
»Isabella hat sich in den Kopf gesetzt -«, ächzte Paolo, als er die Tür öffnete.
Vincenzo kam ihm zur Hilfe und gemeinsam schoben sie die Türe auf.
 »- heute das Abendessen hier draußen einnehmen zu wollen. Sie ist eine kleine Nervensäge geworden«, beendete er seinen Satz.
»Lass das nur nicht Luca hören.«
»Wir haben alle so viel durchgemacht. Langsam reicht es, findest du nicht. Deshalb werde ich alles tun, was Viola, Giana, Emma, Isabella und Giulia verlangen. Sie haben alle verdient, dass wir Männer uns aufopfernd um sie kümmern.«
»Mann. Du hast so was von Recht, und wenn Isabella draußen essen will, dann soll sie das auch.«
»Vermisst du es nicht manchmal?«
»Was?«, fragte Vincenzo mit hochgezogener Augenbraue.
»Die Liebe. Ich meine, ich hab dich nie mit einer festen Freundin gesehen.«
»Nein. Das ist nichts für mich. Nicht mehr.«
»Stehst du jetzt etwa auf Männer?«
»Nein. Es ist nur ... ich, denke nicht, dass ich offen wäre, für -«
»Aha. Also eine Ex-Freundin lässt dich nicht los.«
»Können wir das Thema wechseln?«
»Wie du willst. Komm, lass deine Muskeln spielen und schaff die Tische nach vorne. Ich nehme die Stühle.«
Er war dankbar, dass Paolo nicht weiterfragte, oder versuchte, in seiner alten Wunde zu bohren. Gemeinsam stellten sie alles hin, putzten sogar die Möbel und verzierten die Tische mit Decken.
In der Ferne hörte er das Quietschen des Tores, das auf Aurora Valley führte. Deshalb verschwand er schnell, um die Pferde zu füttern, bevor Isabella allen ihre Freundin vorstellen würde.
Mit Anlauf sprang er über den Zaun, wie er es so oft schon getan hatte. Die Sonne brannte heute erbarmungslos auf ihn nieder, weshalb er sein Shirt auszog und es zur Seite legte. Manchmal war die Arbeit im Freien anstrengend. Trotzdem machte sie ihm Spaß. Oder vielleicht gerade deswegen.
Golden Boy und Kiss waren seine zwei Lieblinge, auch wenn die anderen Pferde genauso viel Aufmerksamkeit von ihm bekamen. Aber diese beiden hatten es ihm angetan. Ihre gutmütige und sanfte Art. Ganz zu schweigen von ihrem Aussehen. Glänzendes gesundes Fell, klare Augen und ihr majestätischer Gang. Die Kinder liebten sie.
Auch wenn er lieber bei den Pferden war, so musste er sich jetzt zu den anderen gesellen. Schließlich wollte er nicht als unhöflich abgestempelt werden. Vincenzo griff nach seinem Shirt und der Duft eines Parfums stieg ihm plötzlich in die Nase.
Einst hatte er dieses Parfum geliebt. Es duftete würzig und fruchtig zugleich. Wahrscheinlich war das so etwas wie eine Fata Morgana, weil er heute zu viel über seine Vergangenheit nachgedacht hatte.
Doch je näher er der Gruppe kam, desto intensiver wurde der Duft. Er drang in seine Nase, kitzelte ihn und brachte Erinnerungen hervor, die er eigentlich für alle Zeit verbannt hatte.
Vincenzo lief weiter. Mit dem Rücken zu ihm stand die Frau, die diesen Duft verströmte. Dunkles schwarzes Haar. Ein wohlgeformter Körper. Lange Beine, die in dunklen Jeans steckten. Etwas regte sich in ihm. Eine Gier, die er viele Jahre unterdrückt hatte. Nicht einmal im Herrenhaus hatte es je eine Frau geschafft, diese Begierde in ihm hervorzulocken.
»Vincenzo da bist du«, rief Isabella. Doch sein Blick blieb starr auf die Frau gerichtet. Im Laufen zog er sich das Shirt über. Jeder Schritt, den er tat, war zielstrebig und sicher. Sein Herz pochte wild.
Dreh dich um!
Sein Kopf schrie ja. Sein Herz schrie nein. Diese Kurven; er kannte sie. Wie oft hatte er sich an ihnen festgehalten. Wie oft hatte er diesen Körper liebkost.
»Teresa. Das ist Vincenzo, unser Pferdetrainer.«
Isabellas Stimme klang so fern. Alles geschah wie in Zeitlupe. Und dann drehte sie sich um. Ihr Duft legte sich über ihn. Hüllte ihn ein. Nahm ihn in Besitz. Der Wind wehte durch ihr Haar und die vornehme Blässe ihres Gesichts präsentierte sich ihm. Doch kaum hatte sie ihn gesehen, erstarrte sie in ihrer Bewegung.
»Mama.«
Abrupt wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt von einem kleinen Mädchen, das an ihren Beinen förmlich klebte. Langsam ging er in die Hocke. Sie trug ein Kleidchen und hatte eine rosa Schleife im Haar.
»Hallo kleine Schönheit«, sagte er. Sie war ein Ebenbild ihrer Mutter, auch wenn er sofort erkannte, dass sie das Downsyndrom hatte. »Wie heißt du denn?«, fragte er.
»Valentina«, antwortete sie und sprang ihm in die Arme. Ihre kleinen Händchen legten sich um seinen Nacken. Sie hatte keine Berührungsängste und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Aus irgendeinem Grund bewegte ihn diese Geste tief in seinem Herzen.
»Ich bin Vincenzo.« Als Antwort bekam er ein Lächeln. Dann traten zwei Beine in sein Gesichtsfeld.
»Hallo Vincenzo.«
Mit der Kleinen auf dem Arm stand er auf und blickte der Frau in die Augen, die ihn vor langer Zeit verlassen hatte. Ohne Grund war sie gegangen. Sie hatte ihre Tasche gepackt, war durch die Türe gegangen und seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen. Wie viele Jahre war das schon her?
»Hallo Teresa.« Er konnte nicht anders als in ihre strahlend blauen Augen zu schauen. Augen so blau wie das Meer. Natürlich spürte er die fragenden Blicke der anderen. Isabella würde ihn später wie eine Zitrone ausquetschen.
»Das ist also deine Freundin«, stellte er fest. »Seltsame Freunde hast du Isabella.« Mehr sagte er nicht, stellte die Kleine auf den Boden und gab ihrer Nase einen Stupser.
»Morgen werden wir zwei zusammen auf Golden Boy reiten.«
»Ja.Ja.Ja«, schrie Valentina. Vincenzo drehte sich um und lief zur Koppel. Sein Herz galoppierte wild. Sein Puls war nicht mehr messbar. Doch es war nicht Wut, die er empfand, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das er eigentlich nie mehr fühlen wollte.