Leseprobe 

 

Kapitel 1

Kochen und essen machten einen großen Teil seines Lebens aus. Denn Luca kochte mit Leidenschaft und genauso gerne aß er; Steaks und Aufläufe. Salate oder, wie er gerne sagte, Grünzeug musste nicht unbedingt als Beilage dienen.
Hier auf Aurora Valley hatte er, die bis jetzt schönste Zeit seines Lebens verbracht. Zwar verdiente er bei Weitem nicht so viel, wie als Dominus im Herrenhaus. Aber das machte ihm nichts aus, die Arbeit hier und der Spaß, denn er mit den Kindern hatte, war viel mehr wert. Außerdem konnte er jeden Tag der Frau ins Gesicht sehen, die er mehr als nur mochte, auch wenn sie das nicht wusste.
»Guten Morgen Luca. Das war eine aufregende Nacht.«
»Allerdings. Geht es dem Mädchen wieder besser?«, fragte er, da er sich wirklich Sorgen gemacht hatte.
»Ja. Wir haben bis in die frühen Stunden mit der Mutter im Gemeinschaftsraum gesessen. Isabella war uns eine sehr große Hilfe. Wir können uns sehr glücklich schätzen sie zu haben.«
Allerdings. Er selbst war mehr als nur froh, dass sie hier bei ihnen arbeitete. Fast zeitgleich hatten sie hier auf Aurora Valley bei Giana und Antonio angefangen. Und sie hatte sein Herz von der ersten Sekunde an erobert. Doch das wusste sie nicht. Wie auch, er traute sich nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren, stattdessen genoss er lediglich ihre Nähe.
»Luca? Alles in Ordnung? Du siehst so nachdenklich aus?«, fragte Giana.
»Alles in Ordnung«, log er. Denn in Wahrheit verzehrte er sich nach Isabella. Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Gleich würde sie mit ihrem Wagen die Auffahrt entlangfahren; so wie jeden Morgen. Und da kam sie. Als sie ausstieg, schwang ihr langes schwarzes Haar im Wind. Wie gerne würde er seine Hände darin vergraben oder daran ziehen, während er tief in sie stieß. Aber das war alles nur sein Wunschtraum, nichts davon würde passieren. Er lief in die Küche und bereitete einen großen Latte Macchiato vor, den sie sich, wie jeden Morgen, bei ihm in der Küche holen würde.
»Guten Morgen«, sagte sie, als sie die Küche betrat. Und plötzlich schien für Luca die Sonne heller zu scheinen. Er begrüßte sie wie immer und widmete sich seinem Herd.
»Luca warte. Ich bräuchte dich gleich mal.«
Ihre Worte gingen ihm durch und durch. Ein leichtes Zittern seiner Hände machte sich bemerkbar. Er war komplett verknallt in diese Frau. Doch sie wusste, dass er einst als Dominus gearbeitet hatte, und hatte ihren Standpunkt diesbezüglich klar vertreten. Sex und Liebe gehörten für sie zusammen. Sie verstand nicht, wie er oder einer der anderen Doms mit Frauen schlafen konnten, die sie nicht liebten. Dies war der Grund, warum er sie nie angemacht oder ihr gezeigt hatte, was sie ihm bedeutete.
»Natürlich.« Er folgte ihr die Treppe hoch zu ihrem Büro, indem sie oft mit Kindern saß oder aber mit Eltern sprach, um sie zu trösten oder um weitere Pläne zu besprechen. Da er hinter ihr lief, konnte er direkt auf ihren Hintern starren, der verführerisch schwang. Wie gerne würde er einmal hineinbeißen, nur um zu sehen, wie sie das erregte.
Oben angekommen wartete er, bevor er in das Zimmer trat. Wie oft hatte er sich vorgestellt, dass sie ihn zu sich rufen würde und sie sich der Leidenschaft hingaben, die er für sie fühlte.
»Also, was soll ich machen?«, fragte er, um seine Gedanken schnell wieder auf die richtige Bahn zu bringen.
»Ich plane ein großes Picknick mit allem, was man sich vorstellt. Bald wird Viola das erste Mal Mutter und Giana bereits zum zweiten Mal. Außerdem glaube ich, dass Giulia, die mit Paolo nun zusammen ist, sich darüber freuen würde, nach dem ganzen Stress der letzten Wochen.«
»Und du? Würde es dir denn auch gefallen, auf einer Wiese zu sitzen, mal keine Therapiepläne zu erstellen und einfach mal zu chillen?«
Was sollte denn diese Frage und warum war seine Stimme um eine Oktave gefallen? Er versuchte sie doch nicht wirklich anzumachen. Gedanklich gab er sich eine Backpfeife. Doch ihre Wangen färbten sich, was ihm gefiel. Luca stellte sie sich auf einer Wiese vor. Ihr langes Haar wehend im Wind, ihr Lachen, das durch die Lüfte schwang. Wenn er nicht bald damit aufhören würde, würde ihm wahrscheinlich einer abgehen.
»Luca. Hast du gehört, was ich gesagt habe?«
»Nein. Was hast du denn gesagt«, fragte er. Seine Gedanken waren immer noch auf der Wiese und ihrem Lachen.
»Ob du mir dabei helfen könntest? Schließlich bist du der Koch hier und dein Essen schmeckt allen. Außerdem hast du sicherlich geniale Ideen, was wir für das Picknick auftischen könnten.«
Ja da hatte sie recht, er war der Koch hier. Das war es, was sie in ihm sah. Nicht mehr und nicht weniger.
»Ich helfe dir. Wann soll es denn stattfinden?«
Isabella beugte sich über ihren Schreibtisch und griff nach ihrem Planer. Ohne dass sie es sicherlich wollte, straffte sich ihre Hose über ihren Hintern und er konnte nicht anders als auf die zwei Rundungen zu schauen. Prall und knackig streckten sie sich ihm entgegen. Er würde sie von hinten nehmen, das wäre das Erste, was er machen würde. Langsam und zärtlich.
»Ich dachte an Samstag. Luca?
»Ja?«, fragte er.
»Geht es dir nicht gut?«
»Doch. Samstag hast du gesagt. Moment. Samstag in zwei Tagen?«
»Ja. Ich hab das wohl zu kurz angesetzt, wenn ich mir dein Gesicht und den Ausdruck darin anschaue. Vielleicht war es eine dumme Idee.«
Ihre schokobraunen Augen schauten in dennoch flehend an.
»Gib mir bis heute Nachmittag Zeit, dann habe ich eine Liste zusammengestellt.«
»Danke.« Sie kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Bei allen Heiligen. Diese zarten Lippen auf seiner Haut waren alles, was er sich seit sechs Jahren gewünscht hatte. Und sein Schwanz zuckte den Schwanentanz vor Freude, auch wenn er wusste, dass sie ihn und seine Vergangenheit niemals akzeptieren würde.
Sie konnte nicht verstehen, wie ein Mann eine Frau demütigen konnte, damit die Sub ihm das schenkte, wonach er gierte. Gehorsam. Vertrauen. Leidenschaft. Ihre Seele.
Verhalten blieb er stehen und wartete, vielleicht würde sie ihm noch einen Kuss geben. Klar. In welchem Universum lebte er eigentlich?
Die unschuldige Isabella Valentini würde ihn ein weiteres Mal küssen und das, obwohl sie wusste, dass er früher als Dom gearbeitet hatte. Davon konnte er lange träumen. Denn mehr als diese unschuldige Geste würde wahrscheinlich nie passieren.
»Ich geh dann mal zurück in die Küche«, sagte er stotternd. Dann trat er durch die Türe auf den Flur und krachte in Paolo. Er und Giulia wohnten seit ein paar Tagen hier.
»Hey nicht so stürmisch.«
Doch Luca achtete nicht auf ihn. Er musste nur weg hier, raus an die frische Luft und atmen. Denn er hatte das Gefühl zu ersticken. Warum hatte sie ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, wenn sie im Grunde, doch das was er liebte, verabscheute. Vielleicht wollte sie nur nett sein?
Als er draußen stand und die Sonne in sein Gesicht schien, atmete er tief ein. Es fühlte sich an, als wäre Isabella in jeder Faser seines Körpers. Als würde ihr Geruch, durch diese kurze Berührung, an ihm haften und sich wie Säure in seine Haut brennen.
Luca dachte nach und fokussierte seinen Blick. In der Ferne konnte er Vincenzo den Pferdetherapeuten entdecken. Dieser war gerade dabei eins der Pferde zu striegeln. Aus Erfahrung wusste er, dass Vincenzo immer Zigaretten in seiner rechten Hosentasche hatte. Also lief er los. Vielleicht würde ein wenig Qualm seine Nerven beruhigen.
Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. Die Sonne schien unerbittlich an diesem Tag und offensichtlich, würde endlich der Hochsommer eingeläutet.
»Hi.«
»Kannst du mir eine deiner Zigaretten geben?«
»War dein Morgen so schlimm?«
»Ich glaube, dass es nicht schlimmer werden kann.«
Vincenzo zündete erst Luca eine Zigarette an, dann sich selber. Rauchend standen sie sich gegenüber.
»Hat dein Problem etwas mit Isabella zu tun? Sag ihr doch, was du für sie empfindest.«
»Sie würde sich nie mit einem ehemaligen Dom einlassen. Das hat sie klar und deutlich erklärt. Es wäre ihr zuwider, mit einem Mann eine Beziehung einzugehen, der nicht einmal weiß, mit wie vielen Frauen er geschlafen hat oder der gerne einer Frau den Arsch versohlt, sie ankettet und anschließend fickt.«
»Das hat sie gesagt? Kaum zu glauben, dass sie solche Worte in den Mund nimmt. Aber du übst diesen Job nicht mehr aus. Und es war doch nur ein Job, oder?«
Nein, es war nicht nur ein Job. Auch privat mochte er diese Art von Sex, das Gefühl von Macht. Er hatte darüber nachgedacht. Für Isabella konnte er sich vorstellen, auf dieses Spiel zu verzichten. Wobei er manchmal glaubte, eine Seite an ihr entdeckt zu haben, die dafür sprach, dass sie devot war. Wie tief das ging, konnte er nicht sagen, dafür müsste er sie sexuell kennenlernen. Doch dass es so weit kommen würde, stand außer Frage.
»Erklär es ihr. Zeig ihr, was es bedeutet, ein Dom zu sein. Womöglich versteht sie es. Möglicherweise sagt sie das auch nur, weil sie neugierig ist und es nicht zugeben will.«
Vielleicht war das möglich. Vielleicht würde sie ihm aber auch eine Scheuern, weil er es gewagt hat, ein Gespräch über Sex mit ihr zu führen.
»Mal sehen.« Luca schaute auf die Uhr. »Ich muss in die Küche. Wir wollen ja nicht, dass die Kinder nachher vor leeren Tellern sitzen.« Er verabschiedete sich und lief über das grüne Stück Wiese, das zwischen dem großen Haus und der ersten Pferdekoppel lag. Umhertollende Kinder und besorgte Eltern hatten sich um die zwei Holztische versammelt und bereiteten sich für eine kleine Wanderung vor.
Hätte ihm früher jemand gesagt, dass er eines Tages Koch in einem Resort für Kinder mit besonderen Bedürfnissen sein würde, er hätte denjenigen ausgelacht. Aber jetzt, nach sechs Jahren, konnte er sich nichts anderes mehr vorstellen.
Isabella stand mitten zwischen ihnen. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden. Er beobachtete sie, bis er ins Hausinnere musste. Sie sah umwerfend aus in ihrer hellen Jeans und dem weißen Shirt. Er hörte noch, wie sie sich von Giana verabschiedete, doch ihre liebliche Stimme wurde vom Radio, das er angestellt hatte, verschluckt.
Wütend über sich selber, hantierte er laut mit Pfannen und Töpfen. Warum hatte er nicht den Mut, ihr zu sagen, was los war? Aus Angst blaffte sein Unterbewusstsein. Jetzt konnte er sie noch im Stillen anhimmeln, aber wenn sie wusste, dass er total verknallt in sie war, würde sie sehr wahrscheinlich von hier weggehen.
Luca versuchte sich, mit kochen abzulenken. Früher hatte das immer gut geklappt. Doch in letzter Zeit war es ihm nicht gelungen. Isabella hatte ihn nachts vom Schlafen abgehalten und am Tag konnte er keinen klaren Gedanken fassen, da sie immer dort war, wo er war. Jedenfalls fühlte es sich für ihn so an.
»Luca denkst du bitte an das vegane Essen für eine der Mütter?«
Wieder einmal wurde er aus seinen Träumereien gerissen.
»Klar. Schau, hab alles vorbereitet«, sagte er, lief zum Backofen und präsentierte Giana eine Auflaufform mit gefüllten Auberginen.
»Das duftet wahnsinnig gut. Meinst du, ich kann davon etwas probieren?«
Er musste lachen, denn in den letzten Wochen hatte sie einen guten Appetit entwickelt. »Setz dich. Ich mache dir einen Teller.« Mit flinken Händen zauberte er ihr ein Gemälde von einem Teller. Schließlich wollte er seine schwangere Chefin glücklich machen.
»Luca. Ich weiß, dass mich das nichts angeht, aber wieso redest du nicht mit ihr.«
»Fängst du jetzt auch noch an.«
»Hat Antonio mit dir geredet?«
»Nein. Vincenzo.«
»Und hat dir das Gespräch geholfen?«
»Nein. Du kennst ihre Einstellung zu uns ehemaligen Doms.«
»Allerdings. Es hat zu Beginn eine Weile gedauert, bis sie mit Antonio klarkam. Aber seitdem er mit ihr geredet hat, verstehen sie sich. Schließlich spielt hier sein ehemaliger Job keine Rolle.«
Nachdenklich stellte er sich wieder an den Herd und ging seiner täglichen Arbeit nach. Er hatte Giana völlig vergessen, bis sie ihm auf die Schulter tippte und mit einem Lächeln gestand, dass sein Essen göttlich geschmeckt hatte. Und dann kam ihm eine Idee. Heute wollte er für Isabella etwas Besonderes kochen und es ihr dann ins Büro bringen. Vielleicht gefiel es ihr, wenn er ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.
Im Kühlschrank suchte er das beste Stück Fleisch raus, das sie hatten. Laut der Uhr, die oberhalb der Küchentür hing, hatte er noch gute dreißig Minuten Zeit, bis sie mit der Wandergruppe wieder da war. Er gab alles. Da es perfekt werden sollte, fühlte es sich ein wenig wie ein Wettbewerb an.
Obwohl die Musik laut spielte, konnte er das Kindertrampeln hören, als Isabella mit den Kindern und Eltern wieder da war. Auch hörte er, wie sie sich mit Giana unterhielt, dass sie noch einige Schreibtischarbeit hatte und sich gleich in ihr Büro verziehen würde. Perfekt. So konnte er ihr das Essen bringen, ohne dass es jemand von den anderen mitbekam. Schnell brachte er die gefüllten Schalen in den Gemeinschaftsraum. Die Tische hatte er schon nach dem Frühstück für den Mittag vorbereitet, so wie er es jeden Tag tat. Und wie jeden Mittag wurde er aufgefordert Platz zu nehmen. Doch diesmal lehnte er ab und entschuldigte sich.
Dann huschte er in die Küche, nahm das Tablett mit dem abgedeckten Teller und schaute sich um, ob ihn auch niemand sah. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, lief er nach oben. Vor Isabellas Bürotür atmete er tief durch, bevor er anklopfte.
»Ja bitte.«
Er trat ein und sagte: »Ich hab gehört, dass du heute noch einiges zu tun hast, also hab ich dir dein Essen hochgebracht.«
»Das ist aber lieb von dir.«
Sie sprach mit ihm, wie mit einem der Kinder. Leise schloss er die Türe hinter sich und stellte den Teller auf den kleinen Tisch, der vor der blauen Couch stand. »Komm. Die wichtigste Mahlzeit des Tages wartet auf dich.«
»Und ich dachte immer, das wäre das Frühstück.«
»Erwischt.« Er setzte sich neben sie und sah zu, wie sie begann sich ein Stück des Steaks abzuschneiden.
»Willst du mir etwa zusehen, wie ich esse?«
»Ich hab schon gegessen«, log er. »Außerdem schaue ich dir gerne zu beim Essen.«
»Luca was soll das«, fragte sie und legte ihr Besteck zur Seite.
Er konnte ihr schlecht sagen, warum er das gesagt hatte, deshalb griff er nach Messer und Gabel und schnitt ein Stück der Süßkartoffel ab und hielt es ihr vor den Mund.
»Iss«, forderte er sie auf. »Es schmeckt nur, wenn es warm ist.«
Sein Herz hüpfte, als sie ihre Lippen öffnete und sich bereitwillig füttern ließ. Er schnitt ein Stück des Fleisches ab und auch das aß sie, ohne Anstalten zu machen.
»Das schmeckt wirklich gut. Ich kann den Rosmarin und den Knoblauch schmecken.«
»War das eben ein Kompliment?«
»Überschätz dich nicht«, sagte sie lachend.
War dies der Moment? Konnte er es wagen? Er schenkte Wasser ein, aus einer Flasche, die auf dem Tisch stand.
»Isabella«, setzte er an. Dann beugte er sich vor und küsste sie, mitten auf ihren Mund.
»Luca!«
Ihrer Stimme zufolge schien ihr nicht zu gefallen, was er getan hatte. Doch es war, als hätte er eine Regung ihrer Lippen gespürt. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber er war sich sicher.
»Es tut mir leid. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt«, sagte er ruhig.
»Das hast du allerdings. Ich glaube, es ist besser, wenn du mich jetzt alleine lässt.«
»Natürlich.« Was war er doch für ein Idiot, zu denken, dass ein einziger Kuss, sie überzeugen würde.

* * *

Ihr Herz galoppierte. Seine Lippen waren warm und weich und sinnlich. Das hatte sie selbst bei dieser kurzen Berührung gespürt. Warum hatte er sie geküsst? Sie legte ihren Zeigefinger auf ihre Unterlippe. Noch immer konnte sie ihn auf ihrem Mund spüren.
Kopfschüttelnd stand sie auf. Solche Spielereien konnte sie nicht zulassen. Wie sollte sie einem Mann in ihr Leben lassen, der schon viele Frauen vor ihr beglückt hatte. Und nicht nur das, er schlug Frauen. Er erniedrigte sie, spielte seine Macht ihnen gegenüber aus, damit er mit ihnen schlafen konnte. Es war ein erregender Gedanke, aber nichts für sie. Doch was wusste sie schon?
Es schien ihr eher, wie eine Modeerscheinung vorzukommen. Plötzlich wollten Frauen, die noch nie etwas von SM gehört hatten, sich anketten und auspeitschen lassen. Und für was? Für den sexuellen Kick im Bett. Als würde ihnen normaler Sex nicht reichen.
Da sie keine Zeit hatte weiter über Luca nachzudenken, widmete Isabella sich den Unterlagen, die sie heute unbedingt noch ausfüllen musste. Doch dann fiel ihr ein, dass er später wieder zu ihr kommen würde. Er würde ihr die Liste für das Picknick bringen. Vielleicht hatte sie da die Gelegenheit ihm zu sagen, dass sie ihre Arbeit hier nicht gefährden wollte und er das hoffentlich verstehen und respektieren würde.
Klar, als würde sich ein Mann wie Luca davon beeindrucken lassen. Aber was hatte er sich dabei nur gedacht. Hatte sie ihm vielleicht irgendwelche Zeichen gegeben, dass sie bereit war, geküsst zu werden?
Nein. Allerdings wurde ihr immer warm, wenn er in ihrer Nähe war. Natürlich fand sie ihn mehr als nur anziehend. Dennoch hatte sie ihren Standpunkt klar und deutlich zu Beginn ihres Arbeitsverhältnisses erklärt. Sie konnte sich noch an die Diskussion mit Antonio erinnern. Wollte er ihr doch den Unterschied zwischen devot und dominant erklären. Doch sie hatte ihr Spiel gut gespielt. Sie hielten sie für Frigide und stellten keine Fragen, wenn sie im Sommer mit hochgeschlossener Kleidung umherlief und wie ein Schwein schwitzte.
War das schon sechs Jahre her? Die Zeit hier auf Aurora Valley, war bis jetzt die schönste, die sie erlebt hatte. Es machte ihr nicht nur Spaß mit den Kindern zusammenzuarbeiten. Sie sah es als Pflicht an zu helfen, wo sie nur konnte. Deshalb stand sie manchmal in der Küche bei Luca oder half Vincenzo bei den Pferden. Aber bei Luca war sie am liebsten. Seine Nähe beruhigte sie, wenn wieder einmal Angst und Nervosität ihren Körper beherrschten.
Aber seit ein paar Monaten spürte sie dieses Kribbeln in seiner Nähe, wenn er sie mit seinen blauen Augen ansah. Und ihr Körper sendete ihr Signale, die sie nicht einordnen konnte. Natürlich wusste sie, dass sie in diesen schwachen Momenten unsagbare Lust auf Sex mit ihm bekam. Aber das durfte nicht passieren; niemals. Dafür mochte sie ihn zu sehr. Wenn er erfuhr, wie sie aussah oder was mit ihr geschehen war, dann würde er sich von ihr abwenden und das würde sie nicht verkraften.
Deshalb vermied sie es seit ein paar Wochen, in der Küche auszuhelfen. Jedes Mal hatte sie eine andere Ausrede und dann hatte er sie geküsst. Wie gerne hätte sie ihre Lippen für ihre Gefühle sprechen lassen. Doch das durfte nicht sein. Niemals. Wenn er ihren Makel sehen würde, dann würde er sie nicht mehr wollen und ihr mühsam aufgebautes Kartenhaus würde zusammenbrechen.
»Isabella?«
»Luca. Komm herein.«
»Es tut mir leid.«
»Was?«, fragte sie.
»Das mit dem Kuss. Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich weiß, wie du über Sex denkst.«
Was meinte er damit? Ach ja, dass sie die Arbeit der Doms verachte. Wie viele Lügen hatte sie eigentlich schon erzählt?
»Schon gut Luca. Ich hab mich nur so überrannt gefühlt.« Scheiße. Hatte sie das eben wirklich gesagt. »Also das bedeutet nicht, dass eine Wiederholung stattfinden wird«, korrigierte sie sich.
»Eine Wiederholung?«, fragte er stutzig. »Das war nur ein Kuss. Ein einfacher keuscher Kuss. Nicht mehr und nicht weniger.«
Kuss. Ein einfaches Wort und dennoch fachte es in ihr die Glut an, die unter ihrer Haut aufwallte. Sie riss das Fenster auf und atmete tief die hereinströmende Luft ein. Was allerdings keine Abkühlung ihrer Gedanken brachte. Denn das Objekt ihrer Begierde, ihrer schlaflosen Nächte stand hier in diesem Zimmer.
»Du hast recht. Es war nur ein Kuss und ich sollte nicht so viel hineininterpretieren. Du hast es nicht ernst gemeint, mit diesem Kuss. Oder? Schließlich hast du dich dafür entschuldigt.«
Inständig hoffte sie, dass er auf ihre Worte anspringen würde. Und sie hoffte, dass er endlich diesen Raum verlassen würde, denn sie verzehrte sich auf eine Weise nach ihm, die nicht gut war. Ganz und gar nicht gut war.
»Genau. Wie ich sagte, es war nur ein Kuss. Ich werde mich jetzt an die Liste machen und sie dir bringen. Dann hab ich später noch Zeit einkaufen zu gehen.«
Sie nickte nur und gab ihm zu verstehen, dass das Gespräch beendet war. Frustriert setzte sie sich wieder an ihren Tisch und blätterte durch die Papiere. Doch Luca beherrschte ihre Gedanken. Was wäre, wenn sie ihm doch eine Chance gab? Was wäre, wenn sie zu ihren Gefühlen stehen würde?
Doch hatte sie so viel Glück, jemanden zu treffen, der sie so liebte, wie sie war? Und was war, wenn er sich in sie verliebte und er, irgendwann trotzdem Abscheu für ihren Körper empfand? Tränen sammelten sich in ihren Augen und liefen über, rollten über ihre Wange und tropften auf das Papier, welches sie lesen und ausfüllen musste.
Schnell tupfte sie ihre Tränen weg und begann endlich damit ihre Arbeit zu tun. Gewissenhaft füllte sie die Unterlagen aus. Genau so, wie sie es versprochen hatte. Isabella wollte helfen, so wie sie es immer getan hatte. Als ihre Freundin aus Studientagen auf sie zugekommen war, konnte sie die Bitte nicht abschlagen. Also hatte sie mit ihr alle Unterlagen besorgt und ihr gesagt, dass sie alles Mögliche unternehmen würde, damit sie hier auf Aurora Valley einen vierwöchigen Platz für sich und ihre Tochter bekam.
Konzentriert schrieb sie weiter. Legte sogar noch einen Bericht dazu, den sie angefertigt hatte, nachdem sie die Kleine das erste Mal gesehen hatte. Sie war ein Sonnenschein, auch wenn sie das Downsyndrom hatte. Inständig hoffte sie, das Giana damit einverstanden war, die Kleine hier aufzunehmen.
Es klopfte. »Bitte.« Luca trat in den Raum. Mist. Seine blauen Augen schienen zu strahlen, wenn er sie ansah. Und sein blondes Haar, wie gerne würde sie mit der Hand durch es durchfahren, an seinem Hals schnuppern und ihn dort zu küssen. Sie wollte ihn auf ihrer Haut spüren.
»Alles in Ordnung Isabella?«
»Ja. Hast du was vergessen?«, fragte sie, da er doch eben erst da gewesen war.
»Ich bringe dir die Liste. Ich dachte, wenn ich dich ein paar Stunden in Ruhe lasse, vergisst du den Vorfall von heute Mittag.«
Sie blickte sich um. Es begann zu dämmern. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Deshalb stand sie auf und schloss das Fenster hinter sich. Dann setzte sie sich auf die Couch und bat Luca, ebenfalls Platz zu nehmen, damit sie die Picknickliste schnell durchgehen konnten. Denn sie wollte schnell nach Hause und ein Bad nehmen und diesen anstrengenden Tag vergessen.
Allerdings gab es kaum etwas zu besprechen, denn er hatte alles perfekt zusammengestellt; wie immer. Deshalb hatte sie ihn auch gefragt, weil sie wusste, dass er das Richtige aussuchen würde. Salate, Subs, Obst, eingelegtes Fleisch.
»Danke«, sagte sie, stand auf und griff nach ihrer Tasche und holte einen Umschlag hervor, indem sich das Geld befand. »Ich denke, das wird für das Essen reichen. Dann bis morgen.«
Sie wartete nicht ab, ob er noch etwas sagen wollte, sondern verließ ihr Büro, verabschiedete sich unten von Giana und fuhr mit ihrem kleinen Fiat nach Hause.