Kapitel 1

Sonne, Regen und Sturm waren ein Wechsel, den ich zu dieser Jahreszeit besonders mochte. Für mich gab es nichts Schöneres, als an meinem Wohnzimmerfenster zu sitzen, einen heißen Kakao zu trinken und dem Treiben auf der Straße zuzusehen, während dicke Regentropfen an meine Fensterscheibe prasselten. Genau so wie jetzt. Es regnete in Strömen, wodurch ich kaum die Passanten auf der Straße erkennen konnte. Dunkle Gewitterwolken hatten sich am Himmel gebildet. In der Ferne konnte ich bereits das Donnern hören und die Blitze sehen. Es würde nur noch Minuten dauern, bis das Gewitter hier angekommen wäre.
Doch lange konnte ich diese Bilder von spazierenden Pärchen im Regen und herumtollenden Kindern, die ihre Zunge herausstreckten, um das kalte Nass zu schmecken, nicht genießen. In spätestens einer Stunde würde meine Freundin Lola kommen und mich auf eine Vernissage schleppen. Und bis dahin musste ich schick sein, sonst würde ihr einfallen mich zu stylen.
Nachdem ich meine Tasse, die sich immer noch warm anfühlte, in die Küche gebracht hatte, lief ich ins Bad und leerte den Inhalt meiner kleinen Schminktasche in das Waschbecken. Ich überlegte, ob ich heute mutig war und meinen roten Lippenstift benutzte. Warum nicht? Wann ging man schon mal auf die Ausstellung eines berühmten Malers.
Eric Moreau wurde als Künstler des Jahrhunderts gefeiert. Zwar freute ich mich auf dieses Event, doch zu einem Abend auf der Couch mit einer Chipspackung in der einen Hand und der Fernbedienung in der anderen, würde ich auch nicht nein sagen. Seufzend legte ich mein Make-up auf, stylte meine Haare und zog mein kleines Schwarzes an. Es klingelte im Takt eines Liedes, das mir partout nicht einfallen wollte. Ich drückte den Türöffner und Lola kam mir freudestrahlend Stufe für Stufe entgegen.
»Ich habe es im Gefühl. Heute werde ich den Mann meiner Zukunft kennenlernen. Du weißt ja, was die Wahrsagerin gesagt hat.«
»Oh nein. Damit kommst du ausgerechnet heute«, sagte ich und umarmte sie.
»Ja natürlich. Sie sagte, dass ich meinen Mann in einem Raum voller Bilder kennenlerne. Und wo gehen wir gleich hin? Richtig! In einen Raum voller Bilder.«
Dem fügte ich nichts bei. Sollte sie ihren Spaß heute haben und jedem potenziellen Mann schöne Augen machen mit ihren verdächtig falschen Wimpern. Ich hingegen würde mich von Männern fernhalten. Nach dem Desaster mit meinem Ex würde ich so schnell keinem Mann erlauben in mein Leben zu treten. Geschweige denn mit einem dieser Exemplare flirten. Sollten sie das ruhig mit anderen Frauen machen, ich hatte genug davon. All die Lügen und Versprechungen. Nein. Ich wollte meine Ruhe und mein Singleleben erst einmal genießen.
»Wenn wir zur Eröffnung da sein wollen, dann müssten wir jetzt losfahren«, sagte sie und schmiss mir ihre Autoschlüssel zu. »Du fährst. Ich will heute Abend Alkohol trinken.«
War ja klar. Aber gut, vielleicht war es sogar besser, wenn ich die Nüchterne von uns beiden war. Ich schlüpfte in meine High Heels, zog mir ein Jäckchen über und nur wenige Minuten später waren wir bereits unterwegs zur Vernissage. Der Regen ließ allmählich nach und die Sonne traute sich ein wenig hervor. Vielleicht konnte der Abend doch etwas Besonderes werden.
Pünktlich stellte ich, zwanzig Minuten später, den Wagen auf dem großen Museumsparkplatz ab. Dort fand heute dieses außergewöhnliche Event statt. Alleine wäre ich hier sicherlich nicht aufgetaucht, aber Lola wollte unbedingt das wir zusammen hingehen. Sie meinte, es wäre das Event. Und vor allem reiche und schöne Männer würden sich das hier nicht entgehen lassen. Das glaubte ich zwar nicht, aber ich wollte ihr nicht den Spaß verderben und nickte ihr mit einem Lächeln zu.
»Siehst du das? Diese ganzen protzigen Autos. Die haben doch bestimmt alle einen Chauffeur«, sagte ich und versuchte sie zu bestärken, doch die Möglichkeit zu haben, hier den Mann fürs Leben zu finden.
»Ja«, sagte Lola mit einem entrückten Gesichtsausdruck.
Das konnte was werden. Sicherlich musste ich hinter ihr herlaufen und sie zum richtigen Zeitpunkt einfangen. Aber das war in Ordnung. Wir waren wie Schwestern und würden immer aufeinander aufpassen.
»Mach den Mund zu und lass uns hinein gehen«, stichelte ich und hakte mich bei ihr unter. Männer in bunten Livre standen vor dem Eingang und hielten Tabletts mit Sektkelchen in ihren Händen. Lola griff danach und trank einen Schluck. Gerne hätte ich gefragt, ob es auch etwas Alkoholfreies gab, doch das war mir in diesem Moment peinlich.
Im Inneren des Museums roch es nicht nach Verwesung ägyptischer Mumien oder nach ausgestopften Dinosauriern, für das dieses Museum bekannt war. Es roch nach Rosen, Sekt und Badeschaum.

* * *

Ich hatte sie gesehen, bevor sie das Museum betreten hatte. Ihr Haar war auffallend lang und ihr Lächeln bezaubernd. Sie war mit einer Freundin gekommen, in einem Auto, das mehr Rostlaube war als ein fahrbarer Untersatz. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte. Ich musste hinunter und die Gäste begrüßen, die meinetwegen gekommen waren. Doch was ich eigentlich in diesem Moment wollte, war sie. Ich musste ihre Stimme hören. Ihren Atem auf meiner Haut spüren. Ich würde sie zwischen all den Menschen, die meine Ausstellung besuchten, an diesem Abend finden müssen. Und dann ... dann würde ich sie ansprechen und ihr sagen, wie wunderschön ihr Gesicht war, wenn sie lachte. Ich kicherte in mich hinein, denn ich fühlte mich plötzlich wie der Teenager, der ich nie sein konnte.
»Eric?«
»Charlotte, ich sagte doch, dass ich Ruhe brauche, bevor die Ausstellung beginnt. Außerdem kann ich ganz gut die Uhr lesen und weiß, wann ich zu erscheinen habe.«
»Natürlich. Ich habe es nur gut gemeint.«
»Zwar hast du das alles auf die Beine gestellt, aber dadurch kannst du keinen Anspruch erheben. Nie wieder. Ich kenne deine seltsamen Gedanken und deine Hinterlist zu genüge. Also erspare mir dein auffallend süffisantes Gequatsche. Sobald das alles hier vorbei ist, wirst du bezahlt und dann ist unsere Zusammenarbeit beendet.«
»Danke für deine deutlichen Worte.«
»Was hast du erwartet? Dass ich mich darüber freue, dich mit meinem besten Freund in unserem Bett zu erwischen? Nach diesem Event wirst du aus meinem Leben verschwinden. Das ist alles, was ich verlange.«
Eigentlich war ich viel zu nett. Ich hätte sie gleich aus meinem Leben verbannen sollen, aber sie war auch meine Managerin. Also gestattete ich ihr, diesen Auftrag noch zu erledigen, danach wollte ich sie nie mehr sehen. Und was meinen besten Freund betraf, ihn hatte ich bereits vor Wochen aus meinem Leben verbannt. Doch jetzt wollte ich mich auf die Gäste und ein gelungenes Event freuen. Ich zog mein Jackett über und verließ den Raum, den man mir für die Zeit der Veranstaltung, zur Verfügung gestellt hatte.

* * *
Lola kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie die vielen Menschen in ihrer Haute Couture flanieren sah. Alles in mir rief danach, wieder zu gehen, denn diese Menschen waren nicht die Zielgruppe, mit denen ich gerne einen Abend verbringen wollte. Die Herren in ihren Anzügen und die Damen mit ihren lackierten Fingernägeln. Dennoch watschelte ich Lola hinterher und schnappte Ohs und Ahs auf. Ich registrierte nicht die Bilder, die die Wände zierten, mitten im Weg standen oder von der Decke herabhingen. Doch als wir um ein seltsames Gebilde herumliefen, hatte mich die Neugierde gepackt. Es war ein Raum aus Samt und vor dem Eingang stand ein Bodyguard. Ich schenkte meiner Freundin keine Beachtung, als sie etwas sagte, stattdessen ging ich in die samtene Höhle hinein. Dunkelheit und Wärme empfingen mich und als ich einen weiteren Schritt hineintrat, schaltete sich ein Licht ein und beleuchtete indirekt ein Bild. Darauf war eine Frau abgebildet. Gezeichnet vom Alter und dennoch wunderschön. Ihr langes dunkles Haar war über ihre Brüste drapiert.
Aus einem mir undefinierbaren Grund berührte mich das Gemälde tief in meinem Herzen. Ich streckte meine Hand aus, um es zu berühren, als ich hinter mir plötzlich ein Geräusch vernahm. Es glich einem Knurren.
»Der Maler wird nicht erfreut sein, wenn Sie es anfassen. Oder warum steht eine Leibwache daneben?«
Diese Stimme. Dunkel. Erotisch. Sie legte sich um meinen Körper und verursachte mir eine Gänsehaut. Ich traute mich nicht mich umzudrehen, da ich Angst hatte, dass der Mann hinter mir, nicht der Vorstellung in meinem Kopf das Wasser reichen konnte. Heißer Atem streifte meine Wange und ich wurde ein Stück zurückgezogen, wodurch das Licht erlosch. Mein Haar wurde zur Seite geschoben und ein einziger Kuss auf meinen Nacken ließ mich leise aufstöhnen.
»Chloe? Wo bist du?«
Die Stimme meiner Freundin riss mich aus meinen Gedanken und meine Lust fiel in sich zusammen, als würde ich mit kaltem Wasser übergossen. Verwirrt über meine Gefühle trat ich wieder ins Freie oder besser gesagt in das Getümmel innerhalb dieser Museumsmauern.
»Ich dachte schon, du wärst verloren gegangen.«
»Warum bist du immer gleich so dramatisch. Ich habe mir nur ein Bild angeschaut. Deshalb wolltest du doch herkommen.«
»Du weißt genau, wieso ich hier her wollte. Ich muss Eric Moreau zu einem Interview überreden. Das wäre meine Eintrittskarte zu den großen Verlagen.«
Augen verdrehend lief ich weiter und tat so, als würden mich die Gemälde interessieren. In Wirklichkeit schaute ich mich verstohlen nach den Gästen dieses Events um. Vielleicht konnte ich erkennen, wer es mit diesem einen Kuss geschafft hatte, meine Knie zum Schlottern zu bringen. Moment. Was sollte das? Welcher Teufel ritt mich da? Ich und ein Mann. Niemals mehr. Aber er hatte warme, weiche Lippen und berührte jeden meiner Sinne mit diesem Kuss. Sicherlich konnte er eine Frau um den Verstand küssen.
»Chloe? Ist alles in Ordnung?«
Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass Lola mit ihrer Clutch vor meinem Gesicht wedelte.
»Du hast so rote Wangen. Wirst du krank?«
Ja. Liebestoll.
»Nein.«
Genervt über mich selbst lief ich weiter und betrachtete die Gemälde. Sie alle hatten denselben Stil. Man konnte erkennen, dass der Künstler viel Herzblut in jedes Einzelne gesteckt hatte. Es war faszinierend, welche Wirkung die Farben hatten.
»Ihnen scheinen die Bilder zu gefallen?«
Ich drehte mich um und musste meinen Kopf heben, um in die Augen des Mannes zu schauen. »Ihnen etwa nicht?«
»Doch natürlich. Vor allem, da ich den Künstler persönlich kenne. Für einige Bilder habe ich sogar Model gestanden. Aber sagen Sie das niemandem.«
Ich kam nicht umhin, über die Bemerkung zu schmunzeln.
»Was gefällt Ihnen an diesem Bild? Ich frage nur, weil Sie eine gefühlte Ewigkeit davorstehen und es betrachten.«
Da ich professionell wirken wollte, kniff ich meine Augen leicht zusammen und stellte mich ganz nah an das Bild. Streckte mein Kinn nach vorne und spitzte meinen Mund.
»Es scheint, als hätte der Künstler, das Bild bereits vor einiger Zeit fertiggestellt. Ich kann keinen Geruch von Farbe wahrnehmen. Außerdem finde ich, passen die Proportionen nicht. Es wirkt aufgesetzt. Zudem will der Maler mir mit diesem Bild etwas sagen, doch in meinen Augen findet keine visuelle Kommunikation statt.«
»Oh mein Gott. Da lasse ich dich einen Augenblick alleine und du angelst dir den Mann, den ich suche.«
Mit gerunzelter Stirn schaute ich meine Freundin an, verstand aber nur Bahnhof.
»Da Chloe ihre Sprache verloren hat, muss ich mich wohl selbst vorstellen. Ich bin Lola Petit. Redakteurin bei L’Express Petit. Ich hatte ihrer Managerin bereits Anfragen zu einem Interview geschickt, doch leider keine Antwort erhalten.«
Erschrocken blickte ich auf. Dieser Mann war Eric Moreau. Der Künstler. Und ich wollte einen auf professionell machen und ihm etwas von der Unvollkommenheit seiner Bilder erzählen. Ich wünschte, der Boden unter meinen Füßen würde sich auftun und mich verschlucken. Das war nicht nur peinlich, das war beschämend, für mich und für ihn.
Ich versuchte seinem Blick, der wie ein Magnet an mir haftete, auszuweichen. Es fühlte sich an, als würde er sich jeden Zentimeter meines Körpers einprägen wollen. Sicherlich überlegte er, wie er es mir heimzahlen konnte, nachdem ich sein Können angezweifelt hatte.
»In Ordnung. Sagen wir morgen früh gegen zehn Uhr im Chambre d’Amis«, sagte er und ging.
Von hinten sah er genau so gut aus, wie von vorne. Doch plötzlich drehte er sich um, zwinkerte mir zu und sagte an Lola gerichtet: »Ach und bringen Sie ihre Freundin mit. Nur für den Fall, dass Sie ein komplettes Interview haben möchten.«
Mit offenem Mund starrte ich seinem Knackarsch hinterher. Das hatte er nicht wirklich gesagt. Oder?
»Ich hoffe für dich, dass du morgen früh nichts vor hast. Sonst waren wir die längste Zeit Freundinnen gewesen.«
Was? Natürlich wusste ich, dass sie Spaß machte, aber warum sollte ich bei dem Interview dabei sein. Das war absolut nicht mein Ding. Ich war Assistentin der Geschäftsleitung und keine Frau, die ein Frage- und Antwortspiel beherrschte.
Seufzend lief ich zu einer lederbezogenen Bank, auf der ein älterer Herr saß. Ich lächelte ihn an und nahm Platz. Stur starrte ich auf den Boden, um nicht in Versuchung zu kommen, nach Eric Moreau Ausschau zu halten. Dabei kam mir in den Sinn, ob er derjenige war, der mich geküsst hatte. Aber was machte das schon? Es spielte im Grunde keine Rolle, denn ich wollte keinen Mann. Jedenfalls zu diesem Zeitpunkt nicht. Außer natürlich, er wäre ein Traumprinz und würde mich auf Händen tragen. Mir jeden Wunsch von den Augen lesen und mich aufrichtig lieben. Doch da es einen solchen Mann nicht gab, musste ich mir keine Gedanken machen.
»Chloe? Ich hab nur Spaß gemacht, das weißt du doch, oder?«
»Natürlich.«
»Wenn du nicht willst, dann musst du nicht mitkommen. Dann soll es eben nicht sein mit dem Interview.«
»Ist schon in Ordnung. Ich weiß doch, wie viel es dir bedeutet. Die eine Stunde werde ich wohl schaffen. Ich werde einfach dasitzen, Kaffee trinken und euch zuhören.«
»Danke.«
Auch wenn ich lächelte, fühlte ich mich seltsam. Es war ein eigenartiges Gefühl in meinem Bauch, das ich nicht einordnen konnte. Ich bat Lola, das Event vorzeitig zu verlassen. So hätte ich noch ein wenig Zeit mir einen gemütlichen Abend auf der Couch zu machen. In meinen Gedanken zündete ich ein paar Kerzen an, schob eine Pizza in den Ofen und trank ein Glas Rotwein. Noch konnte ich den Abend retten. Für Lola hatte sich der Abend gelohnt. Sie würde endlich ihr Interview bekommen und ich konnte, auch wenn ich es eigentlich nicht wollte, Eric Moreau ein wenig anschmachten.
Die Fahrt nach Hause verbrachten wir schweigend. Lola hatte bereits Stift und Papier aus ihrer kleinen Handtasche gekramt und notierte fleißig Fragen, die sie morgen stellen wollte. Bevor ich sie abgesetzt hatte, vereinbarten wir, dass ich, wie immer wenn sie Alkohol getrunken hatte, mit ihrem Wagen nach Hause fuhr. Ich würde sie am nächsten Tag mit ihrem Wagen abholen und gemeinsam zu dem kleinen Bistro fahren.
Um schnell nach Hause zu kommen, gab ich Gas. Ich wollte diesen Abend und die damit verbundenen wirren Gedanken vergessen, denn ich wusste immer noch nicht, wer der Mann war, der meine Begierde geweckt hatte. Und wenn ich ehrlich war, spielte es eigentlich keine Rolle. Es war ein kleiner Wow-Effekt mehr nicht. Das wesentlich Interessantere war der morgige Tag, denn während Lola sich konzentrieren musste, konnte ich Eric Moreau mit meinen Augen ausziehen. Je länger ich über ihn nachdachte, desto faszinierender fand ich ihn. Sein dunkles gelocktes Haar. Seine wunderschönen Augen. Ich musste zugeben, der Mann hatte Sexappeal. Doch da er nicht nur hier in Paris ausstellte, sondern überall auf der Welt, hatte er bestimmt in jeder größeren Stadt eine Frau, die er mit seinen Worten verführte. Garantiert versuchte er das morgen auch bei mir; nach dem Interview. Ich konnte mir vorstellen, dass er Lola unter irgendeinem Vorwand wegschickte.