Leseprobe

 


Kapitel 1 Emma

Hochzeiten waren etwas Schönes, wenn man nicht die Braut war. Trotzdem freute ich mich heute, Viola und Giana wieder zu sehen. Nach allem, was geschehen war, wunderte es mich, dass die Hochzeit dennoch stattfand. Andererseits war es erfreulich, dass sich keiner der Gäste oder gar das Brautpaar selbst von einer desaströs gebauten Bombe und einem Entführer verschrecken ließen. Vorsichtig strich ich über den Verband, der mich nur zu gut an den Zwischenfall, die Explosion, in Gianas Büro erinnerte.
An dem Namen Verusco, den Giana und Sergio trugen, haftete dennoch ein fader Beigeschmack, wie ich in den letzten Tagen feststellen musste. Ob beim Bäcker, beim Friseur überall wurde über die beiden gesprochen. Gerne hätte ich meinen Mund aufgemacht, aber hatte mich letztendlich dagegen entschieden.
Die Menschen in der Stadt, hatten weder Verständnis für die Arbeit, der Sergio nachging. Noch Toleranz für diejenigen, die das Herrenhaus besuchten.
Obwohl es so abgelegen lag, redeten alle in der näheren Umgebung über das Haus und die Menschen, die darin lebten, arbeiteten oder es besuchten, um ihrer Lust und dem Verlangen nach Befriedigung nachzugehen.
Wie gerne würde ich es selbst einmal von innen betrachten. Oder sogar das ein oder andere Zimmer von innen verschließen. Aber dazu würde es nie kommen.
Erstens konnte ich mir einen erotischen Aufenthalt dort nicht leisten und zweitens, welcher Mann würde gerne mit mir spielen?
Alleine die Vorstellung, gefesselt einem Mann zu dienen. Den Gelüsten nachzugeben, die tief in mir schlummerten.
Nachdenklich steckte ich mein langes Haar mit Bobby Pins nach oben. Strähne für Strähne konstruierte ich eine Frisur. Doch wem machte ich etwas vor. Ich konnte mich noch so sehr zurechtmachen, mich schminken, meine Frisur ändern, ich würde trotzdem das Mauerblümchen bleiben. Dazu kam mein linker Arm, der bald Narben von der Verbrennung trug. Kein einziger Mann würde mich derart entstellt haben wollen.
Kurz schreckte das Bild des explodierenden Päckchens mich auf. Kopfschüttelnd verjagte ich den Gedanken. Dennoch machte sich ein leichtes Zittern meines Körpers bemerkbar, als ich an die Bombe dachte. Zwar war es keine, die hätte töten können, trotzdem hatte sie mich verletzt und viele Menschen verängstigt.
Ich trug ein leichtes Make-up auf, schlüpfte in mein mintfarbenes Kleid und zog dazu passende High Heels an. Dann schnappte ich mir meine Clutch und das Päckchen, indem sich das Geschenk für das Brautpaar befand. Doch kurz bevor ich meine Wohnung verlassen wollte, griff ich noch nach einer der Strickjacken, die ich vermehrt in den letzten Tagen getragen hatte, um den Verband zu verstecken.
Nachdem ich in meinen Wagen stieg, tippte ich die Adresse, die mir Giana zuvor gegeben hatte, in das Navi ein. Dann drehte ich die Musik laut und sang zu dem Song von Avici mit und gab Gas.
»Waiting for Love ... waiting for Love.«
Das Lied spiegelte meine Gefühle, denn ich wartete immer noch auf die große Liebe. Trotz des Anschlags und meinem jahrelangen Single Dasein hegte ich den Wunsch, einen Mann an meiner Seite zu haben.
Doch ich war Realistin. Sicherlich würde mir nicht der perfekte Typ über den Weg laufen, wenn ich immer nur zu Hause sitzen würde. Vielleicht hatte ich Glück und auf der Hochzeit würde er mich ansprechen und sagen: »Hey Baby, du bist meine Traumfrau. Heirate mich und ich mache dir die hübschesten Babys.« Kichernd gab ich den Gedanken auf.
Die Fahrt verging schnell und so stand ich nur zwanzig Minuten später vor dem großen Tor, das zum berühmten Herrenhaus gehörte. Am Eingang wurde ich von einer Security empfangen. Ich hielt ihm die Karte entgegen, die mich als Gast auswies und erst dann lies er mich durchfahren. Ich fühlte mich wie Alice im Wunderland. Denn im Gegensatz zu manch einem Gast, wusste ich, was sich hinter den verschlossenen Türen befand. Auch wenn ich es noch nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.
Die Auffahrt bis zum Haus war mit Rosen, Bändern und Luftballons dekoriert. Meinen Wagen parkte ich neben einem schwarzen Mercedes, dessen Fenster dunkel getönt waren. Dabei musste ich sofort an eine Playboy-Karre denken. Daneben sah mein kleiner Renault aus wie die perfekte Imitation eines Bobby-Cars.
Mit dem Päckchen unter meinem Arm lief ich Giana entgegen, die ich bereits von weitem entdeckt hatte. Sie sah in ihrem Kleid wunderschön aus und ich verstand wieder einmal, warum Antonio an ihr einen Narren gefressen hatte.
»Emma, da bist du ja.«
Sie umarmte mich und ich fühlte mich plötzlich zu Hause. Angekommen und aufgehoben. Schnell blinzelte ich die aufkommenden Tränen weg.
Leise flüsterte sie in mein Ohr: »Wie geht es dir?« Ich schaute sie nur an und zuckte mit den Schultern.
»Sie haben das Dreckschwein. Er kann niemandem mehr etwas anhaben.«
Da hatte sie recht, aber ich würde mein Leben lang Narben davontragen. Doch jetzt war mir nicht danach, von dem, was geschehen war, zu reden oder gar daran zu denken. Ich wollte heute einfach nur ausgelassen feiern und Spaß haben.
»Gibt es einen Tisch für die Geschenke?«
»Komm.«
Ich folgte ihr und legte mein Päckchen auf den prallgefüllten Tisch. Dann schaute ich mich um. Keines der Gesichter, das mich anschaute, kam mir bekannt vor.
Wobei die Hochzeitsgesellschaft extrem klein gehalten wurde. Sie erklärte mir, dass jeder Stuhl, den Namen eines Gastes trug. Meiner wäre in der zweiten Reihe. Giana entschuldigte sich und ich beschloss, meinen mir zugewiesenen Stuhl zu suchen.
Während ich den kurzen Weg über die Wiese lief, sah ich mich um. Einige der Gäste hielten Smalltalk, andere saßen bereits auf ihren Plätzen. Andere schlürften an ihren Sektflöten.
Ein leichter Wind zog an meiner Frisur. Eine einzelne Strähne fiel mir ins Gesicht und ich versuchte sie wieder zurückzustreichen.
Alles ging so schnell, eben noch spürte ich, dass ich auf einen Stein getreten war und im nächsten Augenblick ruderte ich wild mit den Armen. Doch der harte Aufprall blieb aus, stattdessen stieg mir ein würziger Duft in die Nase.
»Hoppla.«
Ich lies meine Augen geschlossen und betete, diese Stimme würde noch einmal erklingen.
»Signora?«
Etwas berührte meine Wange. Federleicht strichen Finger über meine Haut. Langsam öffnete ich meine Lider und sah in Augen so blau wie Gletscherseen.
»Da hatten sie aber Glück, das ich genau im richtigen Augenblick da war.«
Bei allen Heiligen, diese Stimme war Sex und das dazugehörige Gesicht von einem Gott. Markante Wangenknochen, Lippen so perfekt, als wären sie in Stein gemeißelt.
Ich war tot, anders konnte ich es mir nicht erklären. Wahrscheinlich war ich so hart mit dem Kopf aufgeprallt, dass ich sofort gestorben war.
Und dieser Mann, Engel oder was auch immer, war meine Belohnung für all meine Guten Taten.
»Emma ist alles in Ordnung?« Giana schob sich vor mein Gesichtsfeld. Ihre Stimme klang panisch.
»Ich bin nicht tot oder?«
»Tot? Nein. Mattia hat dich im letzten Moment aufgefangen.«
»Mattia«, hauchte ich leise. Ließ den Namen auf meiner Zunge zergehen. Ich stellte mir vor, wie ich genau diesen Namen stöhnte, während ich unter diesem Sexgott liegen würde. Meine Wangen wärmten sich aufgrund dieser Vorstellung.
Verlegen zupfte ich an meinem Kleid. Eine seiner Hände lag immer noch auf meiner Hüfte.
»Danke.«
»Nicht dafür.« Dann drehte er sich um und lief zu einem Mann, mit dem er eine Unterhaltung begann. Ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Genau genommen schaute ich auf seinen Hintern.
»Wenn du weiter guckst, sorge ich dafür, dass du nochmal stolperst«, ertönte Gianas Stimme hinter mir.
Ich verdrehte die Augen, drehte mich um und suchte meinen Stuhl. Auch die anderen Gäste setzten sich nacheinander hin. Der kleine Pavillon, in dem Viola gleich heiraten würde, war wunderschön dekoriert. Überall Rosen und weiße Bänder, die vom Wind in der Luft umherflatterten.
Sergio, den ich nur flüchtig kannte, stellte sich zum Pfarrer in den Pavillon. Giana und Antonio, den ich bereits kennengelernt hatte, stellten sich davor.
Leise Klavierklänge ertönten und Viola erschien. Schritt für Schritt lief sie den schmalen Gang zwischen den Stühlen zu ihrem Zukünftigen. Sie war bewundernswert schön in ihrer schlichten Robe.
Ein Räuspern holte mich aus meinen Gedanken. »Mit geschlossenem Mund schaut es sich genau so gut.«
Da war sie wieder, die Engelsstimme. Kurz schaute ich zur Seite, sagte jedoch nichts, da der Pfarrer mit seiner Ansprache begann.
Aufgeregt fieberte ich dem Ja-Wort entgegen. Nervosität hatte mich gefangen genommen und so begann ich, meine Hände zu kneten. Gespannt verfolgte ich den Austausch der Ringe. Und dann kam er, der berühmte erste Kuss als Ehepaar. Schniefend und mit verschleiertem Blick suchte ich nach einem Taschentuch in meiner Clutch, wurde jedoch nicht fündig. Stattdessen wedelte jemand mit einem weißen Tuch vor meinem Gesicht. Dankend nahm ich es an.
Die Gäste standen auf und applaudierten, während ich noch immer mit meiner Nase beschäftigt war. Aber auch ich stand auf, gesellte mich zu den anderen und beglückwünschte das Brautpaar. Kurz darauf verteilten sich die Leute und setzten sich an die vorbereiteten Tische. Kellner brachten jedem Gast ein Glas Sekt.
Viola hatte mit dem Wetter wirklich Glück gehabt. Die Sonne schien und am Himmel sah man keine einzige Wolke. Verträumt sah ich den Vögeln zu, die über das Grundstück hinwegflogen.
»Darf ich mich zu ihnen setzen?«
»Natürlich«, antwortete ich der älteren Dame, die sich auch sofort hinsetzte.
»Sind sie eine Freundin der Braut?«, fragte sie mich.
»Ja.«
»Woher kennen sie Viola?«
»Von der Arbeit in der Versicherung. Schade, dass sie nicht mehr bei uns arbeitet.«
Das Gespräch vertiefte sich eine Weile. Es glich einem Frage - und Antwortspiel.
Meine Aufmerksamkeit wurde jedoch von einem ganz anderen Menschen angezogen. Mattia, der sich wie zufällig vor mein Gesichtsfeld schob. Immer und immer wieder.
Er bewegte sich raubtierhaft von Gesprächspartner zu Gesprächspartner. Sein Blick schweifte umher, doch er schien das Objekt seiner Begierde nicht zu finden. Sicherlich hielt er nach seiner Frau oder seinem Freund Ausschau. Oder nach wem auch immer?
»Wieso gehen sie nicht zu ihm?«
»Was?«, entgegnete ich.
»Na der Mann, dem sie, seit ich hier an diesem Tisch sitze, mit den Augen regelrecht verschlingen. Wieso gehen sie nicht zu ihm?«
»Sehen sie mich an und dann sehen sie ihn an. Er kommt aus einer Liga, bei der ich nicht mithalten kann.«
»Seltsam. Ich scheine etwas anderes zu sehen, als sie es tun. Denn alles, was ich sehe, ist eine hübsche Frau, deren grüne Augen aufleuchten, wenn sie den blonden Mann erblicken.«
Etwas perplex schaute ich die Dame an, antwortete aber nicht auf ihr Kompliment. Stattdessen suchte ich mit den Augen, den Platz ab, an dem Mattia eben noch stand. Doch er war weg. Mein Blick schweifte nach rechts und links, aber ich sah ihn nicht mehr.
»Was suchen sie so angestrengt Emma?«
Es war eine einfache Frage, die mir dennoch einen Schauer über den Rücken jagte. Es schien, als hätte er mich beobachtet und sich an mich herangeschlichen. Als hätte er nur auf den richtigen Moment gewartet. Sein warmer Atem kitzelte meinen Nacken.
»Nonna. Hast du alles, was du brauchst?« Oh nein, die alte Dame war seine Großmutter. Ging es noch peinlicher?
»Ich habe etwas zu trinken, nette Gesellschaft. Mehr brauche ich nicht.«
»Und sie Emma? Haben sie alles? Oder kann ich ihnen etwas geben, was sie haben müssen?«
Hitze schoss mir bei seinen Worten zwischen die Beine. Meine Brustwarzen begannen zu schmerzen, da sie sich zusammengezogen hatten und sich ihm nun triumphierend entgegenstreckten. Was war nur los? Warum reagierte mein Körper mit solch einer Intensität auf diesen Mann? Doch er ließ mir keine Zeit zu antworten, nahm stattdessen meine Hand und sagte: »Lassen sie uns ein wenig spazieren gehen. Es gibt viele Dinge auf diesem Grundstück, die sie interessieren könnten.«
Doch ich wusste, dass diese Dinge, nicht hier draußen auf der Wiese zu finden waren, sondern im inneren des Hauses; in jedem Zimmer, das für erotische Spiele beansprucht wurde.
Ich hatte keine andere Möglichkeit, als mit ihm zu gehen, da er mich mit starker Hand festhielt.
»Ist das ihre Masche, um Frauen kennenzulernen?«, fragte ich leicht außer Atem.
»Nein, denn normalweise lerne ich Frauen nicht kennen. Ich ficke sie auf jede erdenkliche Weise. Von vorne. Von hinten. Im Stehen ... welche Stellung davon bevorzugen sie Emma?«
Ich schluckte, dachte kurz nach und entschied, dass er keine Antwort von mir bekommen würde. Obwohl sich eine Flut von erotischen Bildern in meinem Kopf manifestierten.
»Sie spielen also die Unnahbare. Das gefällt mir. Frauen dieser Kategorie sind wahre Künstlerinnen im Bett. Wie sang schon Usher ... We want a lady in the street, but a freak in the bed.«
Eigentlich hätte ich mich, als er die ersten Worte aussprach, von ihm losreißen müssen. Doch tief in mir, in diesem kleinen dunklen Teil meiner Seele, erregte mich seine offene Art. Diese Worte, die er ohne Scham aussprach, hinterließen dieses köstliche ziehen in meinem Unterleib. Alles in mir sehnte sich nach Berührung. Haut auf Haut. Ich wollte geküsst und begehrt werden.
In meinem Kopf spielte sich eine Szene nach der anderen ab. Und in allen wurde ich gekonnt gevögelt; von Mattia. Spätestens jetzt hätte ich spüren müssen, wie stark die Anziehung zwischen unseren Körpern war. Es schien ihm nicht anders zu gehen, denn er atmete schwer. Sein Blick wirkte gequält und seine Hände berührten mich, wann immer ihm sich eine Möglichkeit bot.
Aber wahrscheinlich lag es nur daran, dass ich seit mehr als vier Jahren keinen Mann mehr hatte und nun empfänglich für diese Reize war. Abrupt blieb er stehen und sah sich auffällig um.
»Hier sollten wir ungestört sein. Also, aus welchem Grund starrst du mich so an?«
»Habe ich nicht«, sagte ich mit zittriger Stimme.
»Ach nein. Warum habe ich dann das Gefühl, das du tief in mich hineinschauen kannst, wie nie jemand zuvor?«

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